Selbstversorgung
Der folgende Text von Marie Halbach (21) ist im Infoheft Nr. 23 (2005) erschienen. Marie Halbach war in diesem Jahr in der Baucampleitung.
:: »Chai ya Maziwa zum zweiten Frühstück«
Endlich rollt das Auto durch die sandige Einfahrt der Schule und kommt direkt vor der Schulküche zum stehen. Vor der Schulküche sitzt das „Frühstücksteam“, das bereits die Milch abgekocht und die Teeblätter in diese hineingerührt hat. „Chai ya Maziwa“ – Tee mit Milch – heißt das Getränk auf Kiswahili, welches es hier in Tansania zum Frühstück gibt und genau das ist es auch. Ein „ya sukari“ müsste noch addiert werden, denn die Tansanier trinken es mit einer ordentlichen Ladung Zucker. Von weitem kommt auch schon der Rest der Gruppe, die bis jetzt auf der Baustelle geschuftet hat. „Da seid ihr ja endlich!!“ Ein bisschen ausgehungert erscheinen sie zum zweiten Frühstück. Im Auto befinden sich nämlich nicht nur die Einkäufe für das Mittag- und Abendessen, sondern auch Brot und Früchte für das zweite Frühstück.
:: »Unsere holzkohlenbetriebene Kantine«
Aber nicht nur die, die auf der Baustelle aktiv waren, sind hungrig. Nachdem das Auto ausgeladen ist und alles Gemüse, Obst, Gewürze, Reis, Kartoffeln und etliche Kanister Wasser in der Küche gestapelt wurden, nimmt sich auch das heutige Küchenteam eine Pause. Sie haben einen anstrengenden Morgen auf dem Markt hinter sich. 35 Leute sollen für den ganzen Tag mit Nahrung und Wasser versorgt werden. Also haben sie noch Einiges vor. Nach dem Einkauf auf dem Markt geht es sofort ans Kochen. Zu unserem reichen Speiseplan gehört alles das, was hier in der Umgebung von Morogoro so wächst: Cassava, Kochbananen, Süßkartoffel, Yams und verschiedenste Spinatsorten. Unmengen von Gemüse werden geschnibbelt und müssen dann samt allen Beilagen auf zwei Feuerstellen gegart werden. Hoffentlich ist noch Kohle da! Wie macht man denn das Feuer hier an? Grillanzünder? Wohl nicht! Schon alleine am Feuer machen sind wir oft gescheitert. Mit einem Schmunzeln stand aber immer gleich eine Lehrerinnen bei uns und hat ausgeholfen.
:: »Neue Reinigungstechniken«
Nach drei Stunden Kocharbeit folgen die Aufräumarbeiten. Es muss gespült werden. Auch das ist sehr gewöhnungsbedürftig und erfordert einige Übung. Es gibt keinen Schwamm oder Spülappen, nur ein Stück von einem Plastiksack ist vorhanden. Zum Scheuern von Töpfen ist Sand ein gutes Hilfsmittel. Besondere Achtung habe ich vor der Technik der Bodenreinigung ganz ohne Wischmopp entwickelt. Alleine mit einem Handbesen aus Reisig wird das Wasser so geschickt durch die Küche geschwemmt, dass aller Dreck und alle Asche, die in Mengen durch die Feuerstellen entsteht, verschwinden. Beim Nachahmen dieser Methode bin ich kläglich gescheitert.
:: »Vorratswirtschaft: zwecklos«
Während des Aufräumens ist schon die Vorbereitung für das Abendessen im Gange. Die gleiche Prozedur - Gemüse schneiden, Reis sortieren, Feuer machen etc. - wiederholt sich. Und gleichzeitig macht man sich wieder Gedanken über den morgigen Tag. Was kochen wir, wo kommt das Wasser her, wer holt Kohle? Für mehrere Tage kann nicht eingekauft werden, da es keinen Kühlschrank gibt und man dem frisch zubereiteten Essen fast beim Schlechtwerden zuschauen kann. Vor allen Dingen machen Mäuse und eine Horde von Insekten sich über alles Essbare her, was länger irgendwo herumsteht. Um den Einfall von Insekten möglichst gering zu halten, kann man sich nach dem Abendessen gleich wieder ans Saubermachen begeben. Mittlerweile ist es halb zehn und stockdunkel.
:: »Herausforderung: Hausfrauenleben«
Ohne ein Kind auf den Rücken gebunden, ohne noch auf dem Feld gearbeitet oder Wäsche mit der Hand gewaschen zu haben, spürt man den ganzen anstrengenden Tag in den Knochen. Gelesen hat man viel über die vielen Aufgaben der „Afrikanischen Frau“, jetzt weiß man wie sie sich fühlt. Auf meinen vorhergegangenen Baucamps war dieser Teil der Arbeit nicht unser Bereich. Im Senegal hatten wir ein einheimisches Kochteam. In diesem Jahr war es uns das erste Mal möglich zu erfahren welche Logistik und welch ein Zeitaufwand die Versorgung einer Gruppe dieser Größe in Afrika bedeutet. Meine „ich geh` dann gleich schnell noch in den Supermarkt um die Ecke“- Mentalität war hier sehr fehl am Platz. Mit Respekt und Hochachtung vor ihrer Leistung, ihrer Ausdauer und ihrem Organisationstalent, denke ich an morgen und bin froh auf die Baustelle zu dürfen.



