Baubericht 2004 als Erlebnisbericht

Der folgende Text von David Kannenberg (20) ist im Infoheft Nr. 23 (2005) erschienen.

:: »Aufstehen, Morgenkreis, Frühstück«

6:30 Uhr, der Wecker klingelt. Also: aufgestanden, in die Hose gestiegen und auf zum Morgenkreis. Hier treffen wir uns schon vor dem Frühstück, um gemeinsam den Tag zu beginnen und zu besprechen, was auf der Baustelle zu erledigen ist, - anschließend ein kurzes Frühstück. Es gibt weiche Milchbrötchen, Bananen und Erdnussbutter. Jeden Tag. Es ist zwar nicht das Frühstück, das ich gewohnt bin, aber wichtiger ist es, etwas im Magen zu haben, um den Tag gut zu überstehen. Aber die Zeit ist zum Glück zu kurz, um sich den Gedanken an ein Stück leckeren Käse hinzugeben, denn um 7:30 Uhr brechen wir zur Baustelle auf.

:: »Die Busfahrt: Genuss für alle Sinne«

Blick aus dem Busfenster

Während der Bus über buckelige Sandpisten schaukelt, habe ich etwas Zeit, um mir unser Dorf genauer anzusehen: Überall an den Straßenrändern stehen kleine Bretterbuden, Schlachter, Gemüsestände, Schneider. Der Boden ist von rotem Staub bedeckt, überall laufen Hühner und Ziegen umher. Man kann Afrika tatsächlich riechen, - beschreiben lässt sich der Geruch nicht, er ist einmalig. Auch die Augen bleiben nicht hungrig, es scheint alles viel farbiger als bei uns zu sein. Die Frauen tragen herrlich bunte Kleider, die Erde ist von einem satten Braun-Rot. Am Straßenrand steht hüfthohes Gras, grün-gelb, Bäume in Braun und Grün dahinter der blaue Himmel, schwarze Berge am Horizont, in weißen Wolken verschwindend. Aus den Buslautsprechern dringt Reggae oder afrikanische Musik, ständig wird geredet, es ist nie still. Der Bus schaukelt immer noch Richtung Baustelle. Wir halten immer wieder an und nehmen unsere Freunde mit, die mit uns zusammen an der Schule arbeiten. Dann schallt immer ein fröhliches „good morning, everobody!“ in den Bus, jeder antwortet ebenso fröhlich, Afrika ist kein Land für Morgenmuffel.

:: »Die Arbeit kann beginnen«

Blick über die ECC auf die Mountains

Wir sind seit 25 Minuten unterwegs und biegen endlich auf das Schulgelände ein. Sofort macht sich jeder auf, Werkzeug zu holen und Arbeitskleidung anzuziehen. Ich hole meine Arbeitsschuhe und nehme auf dem Weg gleich die Schubkarre, gefüllt mit Schaufeln und Kellen, mit. Auf dem Weg zu unserem Umkleideraum lasse ich meinen Blick noch einmal über die Landschaft schweifen. Die Berge, die rechts und links den Blick begrenzen sind immer noch in dichten Nebel gehüllt, aber der große Affenbrotbaum der rechts neben den beiden kleinen Hügeln am Horizont steht, zeichnet sich scharf vor dem blauen Himmel ab, der Tag verspricht sehr warm zu werden. Ich schlüpfe also in meine Arbeitshose, suche meine Handschuhe und ziehe meine Arbeitschuhe an. Sonnencreme, Hut und Wasserflasche habe ich auch nicht vergessen, die Arbeit kann beginnen.

:: »14 Tage zuvor: Erdarbeiten fürs Fundament«

Auf der Baustelle angekommen, gehe ich noch einmal das Gelände ab und lasse die vorherigen Tage Revue passieren: Begonnen haben wir mit den Erdarbeiten für das Fundament. Die Gräben waren schon gezogen als wir ankamen, aber die Löcher für die Säulen mussten noch gegraben werden. Eine Arbeit, die uns gleich zeigt, was es bedeutet, in Afrika auf einer Baustelle zu arbeiten. Alles wird von Hand erledigt, und plötzlich merkt man, dass ein Loch von 80 cm Tiefe eine große Herausforderung werden kann. Auf einer Fläche von 70x70 cm fressen wir uns in die Tiefe. Fressen ist tatsächlich das richtige Wort, die Erde ist steinhart und trocken. Also muss immer einer mit der Spitzhacke den Boden lösen, dann beginnt ein anderer mit einem Spaten die Erde herauszuschaufeln. Je tiefer wir kommen umso enger und mühseliger wird es, schließlich geschieht die Arbeit auf einer Fläche von nicht mal einem Quadratmeter. Gleichzeitig beginnen wir damit, Steine um das ganze Gelände zu verteilen. Jeder Stein wiegt 30 kg, bei solchen Arbeiten wird man sich plötzlich Muskeln bewusst, von dessen Existenz man bis dahin keine Ahnung hatte.

:: »Ein Fundament aus handgemischtem Beton«

Vorbereitung fürs Beton-Mischen

Nachdem die Gräben für das Fundament fertig ausgehoben waren, begannen wir damit, sie mit Beton auszugießen. Der Beton muss natürlich ebenfalls von Hand gemischt werden. Dazu werden sechs Schubkarren Sand, 50 kg Zement zu einem großen Haufen aufgeschüttet und immer wieder umgesetzt und dabei vermengt. Wenn der Sand und der Zement schließlich vermischt sind, werden acht Schubkarren Kies zugesetzt, gleichzeitig kommt Wasser dazu. Jetzt muss es schnell gehen! Damit nicht alles Wasser direkt wieder abfließt und dabei den ganzen Zement wegspült, muss zügig gemischt werden, damit das noch trockene Innere des Haufens das Wasser aufnimmt. Durch die zugesetzten Steine wird das zu einer kräftezehrenden Knochenarbeit. Die Schaufeln finden keinen Weg mehr durch die Steine, mühsam muss erst mit der Hacke etwas Mischung gelöst werden, dann kann sie noch einmal umgeschaufelt werden. Dann wird in großen Schalen, den Karrais, der Beton zu seinem Bestimmungsort transportiert, dazu bilden alle die gerade nichts anderes zu tun haben, eine Kette.

:: »Dann: Säulen und Fundamentmauern«

Nachdem der Ring für das Fundament gegossen ist, beginnt zeitgleich das Herstellen der Moniereisen für die Säulen und das Errichten der Fundamentmauern. Mit der Unterstützung unseres Maurers Mr. Kinza, der kein einziges Wort Englisch spricht, geht die Arbeit zügig voran. Nach all den Tagen der Arbeit sieht man jetzt zum ersten Mal Mauern wachsen, wir kommen voran. Da das Baugelände Gefälle hat, müssen wir mehrere Stufen in das Fundament einbauen, die Mauern haben schließlich an der höchsten Stelle 1,20 m Höhe erreicht.

:: »Heute: Vorbereitungen für die Bodenplatte«

Provisorischer Schutz vor dem feinen roten Staub

Heute, mehr als 2 Wochen nach Baubeginn, muss der entstandene Raum zwischen den Fundamentmauern, ein Wort das sogar Mr. Kinza mittlerweile auf Deutsch beherrscht, mit Erde aufgefüllt werden. Später wird hier eine Bodenplatte von 10 cm Stärke darauf gegossen. Die Erde ist von eben dem tiefen Rot wie scheinbar alle Erde in Afrika und so sehen auch alle Leute aus, die mit ihr arbeiten. Denn die Erde ist staubtrocken und dieser Staub dringt in alle Poren, die Kehle wird trocken, man kann kaum sehen. Die Sonne brennt unbarmherzig und die Knochen ächzen ebenso wie ihre Besitzer in der Hitze. Manche sind auf die gute Idee gekommen, sich mit einem Tuch vor Mund und Nase vor dem Staub zu schützen, aber ich bekomme dadurch zu wenig Luft, also bleibt mir nur der Versuch, mich nicht gegen den Wind zu stellen. Nachdem wir zwei Tage geschaufelt haben, ist alles in unserer Umgebung von einer roten Staubschicht bedeckt.

:: »Die erlösende Mittagspause«

Wenn es schließlich Mittagspause ist, bieten die müden Gestalten, die aus den roten Nebelwolken auftauchen, ein unwirkliches Bild. Durch den Staub rot gefärbt, sind auf den Gesichtern alle Konturen viel schärfer, Gesichter sehen auf einmal müde oder gespenstisch aus, nur gemildert, durch die uns immer gegebene gute Laune. Wenn man sich den Staub aus den Haaren und Kleidern geklopft hat, wird also die Mittagspause angetreten. Hier genießen wir alle die wirklich hervorragende afrikanische Küche, die uns Kraft gibt. Dem Kräfteverlust der Arbeit zollen wir neben dem Essen auch durch die Länge der Pause Tribut. Zwei Stunden nehmen wir uns Zeit, Karten zu spielen, Bücher zu lesen oder uns einfach nur auszuruhen. Nach der Pause gilt es noch einmal die Reserven zu mobilisieren und die Tagesarbeiten zu Ende zu bringen.

:: »Bilanz nach der ersten Bauzeit«

Leider werden wir es nicht schaffen, dass wir bei unserer Abreise ein fertiges Gebäude hinterlassen, aber viel geleistet haben wir dennoch. Immerhin haben 21 hoch motivierte junge Leute ihre gesamte Energie hier hineingesteckt, wie lange hätten die fünf Maurer aus dem Dorf ohne uns gebraucht? Wir werden wieder kommen und wir werden die Gebäude fertig stellen, so wie wir es immer getan haben, das ist schließlich der Sinn unseres Vereines. Und noch etwas werden wir erreichen, auch das ist der Sinn unseres Vereins: Alle werden mit dem gutem Gefühl nach Hause fliegen, etwas geleistet zu haben. Wir sind uns des Wohlstandes in dem wir leben bewusst geworden, wir haben aber auch gelernt, dass wir etwas bewegen können.