Von der Auswanderung im eigenen Land zu der Auswanderung in die In­dustrieländer.

Jüngere und ältere Afrikaner, die keine Ausbildung in den europäischen Spra­chen genießen, weil sie oder ihre Eltern die Schulen in Afrika eher beargwöhnen und als etwas Fremdes verwerfen, glau­ben meistens, sich aus der Verlegenheit helfen zu können, indem sie Kaufleute werden. Über die neuen Bedürfnisse ih­rer afrikanischen Mitbürger wissen sie Bescheid, und fahren oder fliegen hin und zurück ins Ausland, um ihren Handel weiter zu treiben. Aufgrund ihres Anal­phabetentums in den europäischen Spra­chen werden sie oft von den Zollbeam­ten und von Behörden überhaupt für Ignoranten gehalten, denen gegenüber nur repressiv gehandelt werden soll. Die Entfremdung dieser Bevölkerungs­schichten gilt von nun an dem ganzen sozialen System, das sie häufig -und vor allem, wenn sie mit ihrem Handel schei­tern - als minderwertige Bürger, als Parias im eigenen Land betrachtet. Da­her denkt diese Bevölkerung, zu der sich eine andere Schicht von halb ausgebil­deten Jugendlichen fügt, denen es nicht gelungen ist, das Studium in der Sekundärschule zu beenden, dass die einzige Lösung für ihre Situation darin be­steht, in die Industrieländer auszuwan­dern, wo diese vorausgesetzten Entwicklungssprachen von allen gespro­chen werden. Dort, wo alle begehrten Güter produziert werden, denkt man viel Geld verdienen zu können, um dann spä­ter in Afrika das negative Bild des Parias und des städtischen Parasiten auszulö­schen.

Die fast unwiderstehliche Anziehungs­kraft, die die Industrieländer auf diese junge afrikanische Bevölkerung ausüben, scheint auf eine widersinnige Weise von allen Seiten unterhalten zu werden: die afrikanischen Staaten unternehmen ab­solut nichts, ihre junge Bevölkerung, die ihr Humankapital und in mancher Hin­sicht ihr größter Reichtum ist, in Afrika zurückzuhalten; die reichen Koloniallän­der, die die Afrikaner haben verstehen lassen, dass sie sich nur mit ihren europäischen Sprachen und Kulturen entwickeln können, und die heute keine Ein­wanderer aus Afrika mehr wünschen, scheinen trotzdem nicht bereit zu sein, auf ihr Kulturprestige zu verzichten, das mit der Verbreitung ihrer Sprachen in den ehemals kolonisierten Ländern Afrika verbunden ist. Welche Möglichkeit der Emanzipation besteht nun, damit sich die meisten Afri­kaner im Süden der Sahara in leistungs­fähige Entwicklungsakteure für ihren Kontinent verwandeln? Auch wenn Im­manuel Kant, wie Ludwig Gerhardt schreibt, 'Aufklärung im eignen kulturel­len Universum begriffen hat", dürfen sich die Afrikaner südlich der Sahara nicht davon abhalten lassen, sich eine Defini­tion der Aufklärung anzueignen. Diese angesichts der afrikanischen kolonialen und postkolonialen Geschichte eher emanzipatorische Definition der Aufklä­rung mit dem "sapere aude " sollte dann nur in afrikanische Sprachen übersetzt werden. Nicht nur die Erwachsenen in Afrika, son­dern auch die afrikanischen Kinder soll­te man im Rahmen der Entwicklungs­zusammenarbeit zu emanzipieren versu­chen. In diesem Zusammenhang muss man aber auch an die gewaltsame Ent­fremdung denken, dass die afrikanischen Kinder die Grundschule mit einer ihnen völlig fremden Sprache beginnen müs­sen.