Relevanz einer Sozilisation in Wolof
Bei dem folgenden Text handelt es sich um eine Zusammenfassung des Gesprächs zwischen Steinschleuder e.V. und Frau Fall, der damaligen Ministerin für Dezentralisierung im Senegal. Er ist im Infoheft Nr. 17 (2000) erschienen.
:: »Erst das Fressen dann die Moral?«
Die Entwicklungszusammenarbeit zwischen den Industrieländern und den Entwicklungsländern im Allgemeinen und insbesondere zwischen der Bundesrepublik Deutschland und vielen Ländern südlich der Sahara hat sich bis jetzt in eine Richtung orientiert, in der die Geistes- und Sozialwissenschaften weitgehend vernachlässigt wurden. In dieser Hinsicht scheint man überzeugt zu sein, dass es vor allem die Ingenieur-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften seien, die zu einer wirklichen Entwicklung in den ehemals kolonisierten Ländern Afrikas führen können. Bei dieser Gelegenheit kann man feststellen, dass schon bevor der Begriff "Globalisierung" sich auch in Afrika südlich der Sahara verbreitete, die linguistische und kulturelle Identität des Afrikaners, die sich in den Geisteswissenschaften ausdrückt, vom kolonialen und postkolonialen Schulsystem nie berücksichtigt wurde.
:: »Lokale Entwicklungsakteure...«
Um zu einer ökonomischen Entwicklung zu gelangen, braucht jedes Land in der Welt nicht nur Entwicklungspotential, sondern auch und vor allem Entwicklungsakteure. Wer wird aber in den meisten ehemals kolonialisierten Ländern Afrikas südlich der Sahara als potentieller Entwicklungsakteur betrachtet außer eines kleinen Teils der Bevölkerung, der in dem immer noch existierenden kolonialen Schulsystem ausgebildet wird? Meistens handelt es sich um weniger als um ein Drittel der Einwohner jedes frankophonen afrikanischen Landes, das die französische Sprache unbedingt können muss, um von den Behörden und der Öffentlichkeit anerkannt zu werden.
:: »...und ihre schulische Sozialisation«
Wie wird aber dieser Teil der afrikanischen Bevölkerung in dem seit den Kolonialzeiten kaum geänderten Schulsystem ausgebildet? Er muss einer Assimilationspolitik folgen, die meistens zu einer tiefen Entfremdung führt. Da er häufig von einigen Normen und Werten abgeschnitten wird, entstehen fast immer schwer überwindbare Konflikte zwischen diesen Ausgebildeten, die in ihrer Gesellschaft als Träger eines „neuen europäischen Wissens" gelten und ihrem afrikanischen Milieu, das mehr als aus zwei Dritteln der Bevölkerung besteht. Was wird dann aus dieser Zweidrittelmehrheit, die entweder die Grundschule nie beendet und demzufolge die französische Unterrichtssprache schon lange vergessen hat oder die schon von Anfang an kein Vertrauen in das ihr vorgeschlagene Schulsystem hatte, das sie als etwas Fremdes oder Entfremdendes betrachtete und verwarf?
Für diese seit mehren Jahrzehnten stumm gemachte Mehrheit der afrikanischen Bevölkerung eben wird gedacht, um Entwicklungshilfe gebeten, werden politische Reden gehalten, in denen Armut ein vorübergehendes Schicksal genannt wird, das eines Tages vom Himmel geändert werde. (...) Wenn die älteren Schichten dieser stumm gemachten Bevölkerung nur dank der traditionellen Solidarität auf dem Lande überleben können, denken im Gegenteil die meisten Jungen in Afrika daran, den Kontinent zu verlassen, um irgendwo in der Welt und vor allem in den Industrieländern Europas und Amerikas eine bessere Existenz zu gründen. Diesem augenscheinlich traurigen Bild eines Lebens in Afrika kann dennoch im Rahmen einer besseren Entwicklungszusammenarbeit abgeholfen werden.
::»Kulturelle Identität als Entwicklungsstrategie«
Über die Notwendigkeit, afrikanische Sprachen als Unterrichtssprachen zu gebrauchen. Dass es dringend ist, auch afrikanische Sprachen und nicht nur europäische Fremdsprachen in den Schulen des so genannten frankophonen Afrika zu gebrauchen, lässt sich durch viele Gründe erklären, die sich alle auf die ökonomische Entwicklung Afrikas beziehen. Auch wenn die französische Sprache als die offizielle Sprache und als die Sprache der Entwicklung gilt, bleibt sie eine völlig unbekannte Sprache für mehr als 80 Prozent der Afrikaner südlich der Sahara. Diese Mehrheit, die sich von der Entwicklung ausgeschlossen fühlt, erlebt in einer fast religiösen Geduld, was man die erste Auswanderung innerhalb des eigenen Landes nennen könnte, bevor mehrere von ihnen die zweite Auswanderung in die Industrieländer unternehmen.
:: »Über Sprachrechte und Kinderemanzipation«
Der programmatische Titel von Al Imfeids Buch Verlernen, was mich stumm macht lässt vor allem an die Entwicklung von afrikanischen Kindern denken, die mit ihrem sechsten Lebensjahr (wenn nicht früher im Kindergarten) von den Sprachen, in denen sie sich geographisch und soziologisch zurechtgefunden haben, brutal Abschied nehmen müssen, um eine soziale Anerkennung zu genießen. Die Gewalt die man diesen Kindern antut, ist in Wirklichkeit nicht nur kulturell. Der senegalesische Linguist M. M'Bodj vergleicht die Situation des afrikanischen Kindes im kolonialen und postkolonialen Schulsystem mit der eines Glases, in welches kochendes Wasser eingegossen wird. Dabei fasst er drei mögliche Situationen ins Auge: Entweder das Glas zerbricht, was dem Fall der Kinder entspricht, die nicht in der Schule bleiben können, weil sie so tief von dem System traumatisiert werden, dass sie in psychiatrische Zentren behandelt werden müssen. Im zweiten Fall zerbricht das Glas nicht. Es bekommt jedoch einen so tiefen Sprung, dass es weder heißes noch kaltes Wasser mehr zu fassen vermag. Da geht es um die Situation von Kindern, die nach zwei oder drei Jahren in der Grundschule nichts mehr von jener modernen Schule hören wollen. Im dritten Fall ist der Sprung im Glas eher oberflächlich: das Glas kann zwar das heiße Wasserfassen, muss sich aber mit dem Sprung abfinden. Dieser Fall bezieht sich gewissermaßen auf die afrikanischen Kinder, denen es gelungen ist, in dem fremden Schulsystem aufzuwachsen. Die Erwachsenen, die dann werden, tragen wie wir diesen Sprung etwa wie eine besondere Narbe, die den Überlebenden einer Katastrophe eigen ist.
Bezieht man sich auf die Grundprinzipien der universellen Erklärung zu Sprachrechten, die vertraulich bestimmt, dass jede linguistische Gemeinschaft das Recht hat, in ihrer Sprache über adäquate Bedingungen und Mittel zum Selbstausdruck, zur Erziehung, zur Kommunikation, zur Publikation, zur Übersetzung und im Allgemeinen zur Behandlung von Informationen und zur kulturellen Verbreitung zu verfügen, dann sollten auch die ehemals kolonisierten Afrikaner und die afrikanischen Kinder die Möglichkeit haben, die Entscheidung zu treffen, keine Narben mehr zu tragen, die vom eingegossenen heißen Wasser stammen. Eine Erklärung dafür, dass alle wirtschaftswissenschaftlich experimentellen Methoden, um Afrika südlich der Sahara zu entwickeln, gescheitert sind, ist, dass man bis heute zu vergessen scheint, dass Entwicklung auch ein kultureller Prozess ist, der sich in den Geistes- und Sozialwissenschaften und vor allem in der Sprache des Menschen ausdrückt. Man kann mit Ludwig Gerhardt fragen: „Ist es nicht gerade die Sprache, die den Menschen von einem hoch entwickelten Primaten zur Gattung homo sapiens macht?"
:: »Umstrittenes Projekt: Frankophonie«
Und kommt deshalb der Frage, wie die deutsche gelehrte Welt die afrikanischen Sprachen, also das eigentliche Humanum der Afrikaner einschätzt, nicht ein wichtigerer Platz zu als es bisher der Fall ist? Nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, sondern in der ehemals Kolonialmacht Frankreich ignoriert man die afrikanischen Sprachen. Da tut man so, indem man sich auf eine so genannte Frankophonie stützt, als ob es keine afrikanischen Sprachen gebe. Und gleichzeitig wundert man sich in manchen intellektuellen Kreisen in Europa darüber, dass die afrikanischen Länder trotz aller Hilfe arm bleiben, wie es jüngst in einem Zeit-Gespräch mit dem Entwicklungsforscher Rainer Tetzlaff deutlich wurde. Rainer Tetzlaff hat zwar Recht, wenn er meint, in den Entwicklungsländern Afrikas sei eine Mentalitätsänderung erforderlich. Aber er und die von ihm zitierte Kamerunerin Axel Kabou wissen augenscheinlich nicht, wie schwierig es auch für Europäer sein könnte, im Schulwesen und bei offiziellen Angelegenheiten von den eigenen Sprachen und Kulturen absehen zu müssen, um durch Entwurzelung und Entfremdung zu einer wirtschaftlichen Entwicklung zu gelangen.
In der Weltwirtschaftsentwicklung sind wir mittlerweile auf einer Stufe angekommen, auf der die Eliten der ehemals kolonisierten Länder Afrikas südlich der Sahara begreifen müssen, wie wichtig ihr afrikanisches Humankapital für die ökonomische Entwicklung Afrikas ist. Dabei können sie eine Lösung für die schwierige Wirtschaftssituation ihrer Länder erst dann finden, wenn sie mit Hilfe der Industrieländer, die verstehen, worum es geht, ihre eignen Lebensumstände in die Hand nehmen und für die Bildung und Ausbildung ihres afrikanischen Humankapitals die notwendigen Entscheidungen treffen.




