Entstehung des Vorschul-Projektes

Die folgende Textauszüge stammen aus einem Artikel von Valentin Vollmer (21), der im Infoheft Nr. 17 (2000) erschienen ist.

:: »Parlez francais, les enfants!«

Grundschulklasse in Ouakam
Grundschulklasse in Ouakam

Um eine Vorstellung von dem Bildungs­wesen im Senegal zu bekommen, muss man zuerst einen Blick auf die Alphabetisierung der Menschen werfen. Dieser gestaltet sich aber schwieriger als man im ersten Moment denken würde, denn es gibt drei große Sprachen im Senegal: Die Amtssprache Französisch, die ‚ursprüngliche’ Sprache Wolof und durch den Islam das Arabisch. Da der islamische Glaube und damit der Koran eine wichtige Rolle im alltäglichen Leben spielen, können viele Senegale­sen Arabisch lesen (schreiben ist wieder etwas anderes). Einige wenige sind in der Wolofsprache alphabetisiert und nur sehr wenige sind der französischen Schriftsprache mächtig (ca. 10% der Bevölkerung). Das liegt daran, dass die­se Sprache nach wie vor eine von den ehemaligen Kolonialherren aufgesetzte Sprache ist. Das Schreiben und Lesen wird zwar in den Schulen gelehrt, aber da die eigentliche Umgangssprache das Wolof ist, wird die Schule, die komplett auf Französisch stattfindet, von vielen als überflüssig angesehen. Von denen, die es dennoch tun, schaffen es nur eini­ge Kinder, die Konflikte, die bei der Kon­frontation mit der fremden Sprache Fran­zösische entstehen, zu lösen. Nur ein kleiner Teil hat die Kraft und das Können diese Schullaufbahn zu schaf­fen, um dann anschließend an der Uni­versität studieren zu können.

:: »Alternativen: Arbeit und Europa?«

So ist es kein Wunder, dass es sehr viele arbei­tende Kinder im Senegal gibt, denn ohne Bildung ist dies der einzige Weg sich und manchmal eine Familie zu ernähren. Aus dieser Sicht heraus erscheint vielen Se­negalesen Europa als das Paradies auf Erden: Das Bildungswesen sei ein ganz anderes, die Voraussetzungen für einen Job ohne besondere Qualifikationen sei­en sehr gut, und niemandem ginge es schlecht. Aber besonders in Deutschland haben Senegalesen keine Aussicht auf Asyl und landen entweder direkt in Abschiebehaft oder werden nach kurzer Zeit wieder ausgewiesen.

:: »Wie kann da sinnvolle Hilfe aussehen?«

Ein Märchen auf Wolof und Französisch, die stolze Kindergärtnerin und die stolzen Autoren

Diese Frage hat sich der Verein Hand in Hand e.V. schon oft gestellt, nicht nur im Senegal, sondern auch in anderen Län­dern. Denn ebenso wie der Steinschleu­der e.V. hält auch er es für sinnvoller Not leidenden Menschen in ihrer Heimat eine Hilfe zur Selbsthilfe zu gewähren, als sie durch Gleichgültigkeit zur Flucht nach Europa zu verdammen. Diesen Verein mit Sitz in Konstanz lernte Alassane Diagne, Ger­manistik - Student an der Universität "Cheikh Anta Diop" in Dakar, während eines Deutschlandaufenthaltes kennen. Als sehr engagierter Mensch führt er nun die Arbeit in dem inzwischen gegründe­ten Verein "Lengoö Hand in Hand Sene­gal" fort. Neben kulturellen und Bildungs­veranstaltungen hatte dieser Verein nun die Idee, dass der sinnvollste Weg aus der bereits beschriebenen Bildungs­misere das Umgehen des Sprach­konfliktes ist. Als Beginn erscheint es sinnvoll, nicht direkt eine Schule, in der der Unterricht auf Wolof stattfindet, zu gründen, sondern zunächst einen Kinder­garten aufzubauen. In diesem soll durch die Wolofsprache und unter anderem durch traditionelles Theaterspiel die Ver­bundenheit zum eigenen Volk geschaf­fen werden. Es soll auch deutlich wer­den, dass der Weg zu Bildung und Er­folg nicht notwendigerweise mit dem Er­lernen der französischen Sprache ver­bunden ist.

:: »Ouakam, traditionelles Fischerdorf vor Dakar«

Die Hauptstrasse von Ouakam

Als Erstinitiative soll dieser Kindergarten in Ouakam, einem Teil Da­kars, entstehen, und bei Erfolg ist auch die Fortführung der Etablierung der Wolofsprache im Bildungswesen in Form einer Primarschule angedacht; vorerst jedoch wollen wir uns auf den Kindergar­ten konzentrieren. Die Planung des Projektes läuft schon seit Herbst 1999. Als Ort wurde Ouakam gewählt. Dies ist ursprünglich ein tra­ditionelles Dorf und wurde erst 1887, als Dakar von den Franzosen gegründet wurde, eingemeindet. Die Strukturen des Dorfes haben sich bis zum heutigen Tage erhalten können. Diese Verbundenheit zur Ver­gangenheit und zur Sprache Wolof ist den Bewohnern bis heute sehr wichtig. Ouakam besteht mittlerweile aus drei tra­ditionellen Dorfteilen, in denen 25.000 Menschen wohnen, und zwei neuen Dorf­teilen, die nach 1970 entstanden sind und von 20.000 Menschen bewohnt werden. Ouakam ist einer der 31 Stadtteile von Dakar, mit einer Gesamteinwohnerzahl von 1,7 Mio. Menschen.

:: »Die Verwaltungsinstanz von Oukam: CODIV«

Die oben ange­sprochenen Dorfstrukturen äußern sich besonders in der Verwaltung Ouakams, denn obwohl es offiziell zu Dakar gehört, gibt es ein Komitee zur Verteidigung der Interessen des Dorfes Ouakam (CODIV), das von allen Bewohnern Ouakams und dem Innenministerium anerkannt ist. Es besteht aus einem sechsköpfigen Vor­stand und aus je einem Vertreter aus den fünf Teilen des Dorfes. Das CODIV vermittelt in allen Angelegenheiten zwischen den Bewohnern und den staatli­chen Institutionen. Es kümmert sich um alle Belange des Dorfes, sei es, dass je­mand nach dorthin ziehen will, oder sei es, dass die Stadtregierung in der Nähe ein Stück Land zur Besiedlung freigeben will. Letzteres wurde, da es sehr nach­teilig gewesen wäre, durch Demonstra­tionen und Verhandlungen abgewendet. So hat das CODIV auch ein Programm zur Bildung in Ouakam entwickelt und sich für die Errichtung und den Fortbe­stand von einigen Schulen eingesetzt, die teilweise auch durch Eigeninitiative ge­baut wurden und sich besonders durch den offenen Zugang auch für Frauen auszeichnen, was im Senegal noch kei­ne Selbstverständlichkeit ist. In dem Pro­gramm zur Bildung fehlen jedoch Kindergärten, so dass unsere Tätigkeit eine Lücke in der Arbeit der Organisation fül­len wird.

:: »Nachhaltigkeit«

Der Strand von Ouakam

Die nötigen organisatorischen Dinge sind während der Vorbereitungs­reise weitestgehend geklärt worden. So ist unser Vorhaben z. B. schon von den Ältesten des Dorfes, die eine wichtige Entscheidungsinstanz bilden, genehmigt worden und die notwendigen Verhand­lungen mit den Behörden entfallen durch die Rolle der Subregierung des CODIV. Es wird keine Initiative sein, die sich ein paar Europäer ausgedacht haben, und die jetzt versuchen sie in einer ganz an­deren Kultur durchzuführen. Vielmehr ist die Idee im Senegal entstanden; der Wunsch nach einem solchen Kindergar­ten wurde laut, und die Arbeit wird nun für beide Seiten viele Möglichkeiten zum Kennenlernen einer neuen Kultur bieten.