Leben in den Gastfamilien
Der folgende Text von Melina Reitz (22) ist als Artikel im Infoheft Nr. 18 (2001) erschienen.
:: »Ein Novum«
Bei unserem diesjährigen Baucamp im Senegal waren wir Teilnehmer alle in Gastfamilien untergebracht. Darin unterscheidet es sich wesentlich von unseren anderen Baucamps, denn sowohl in Argentinien, Brasilien als auch in Irland haben wir gemeinsam mit der Gruppe in einem Raum gelebt. Auf der Insel in Brasilien waren wir zwar in kleinen Gruppen auf verschiedene Häuser bzw. Familien verteilt, jedoch waren wir separiert von den Familien in Räumen untergebracht, die sonst an Touristen vermietet wurden. So fand keine wirkliche Begegnung zwischen uns und den einheimischen Familien statt.
:: »Teil der Familie«
Im Senegal war das ganz anders, wir waren alle alleine oder höchstens zu zweit in verschiedenen Familien untergebracht und wurden dort richtig ins Familienleben integriert. Durch dieses integrierte Leben in den senegalesischen Familien konnten wir die dortige Kultur sehr gut kennen lernen und dadurch auch Unterschiede besser verstehen.
Einer der markanstesten Unterschiede ist die Familienstruktur. Es gibt nicht die typische europäische Kleinfamilie mit Vater, Mutter und im Schnitt zwei Kindern, sondern Großfamilien. Die Durchschnittskinderzahl im Senegal liegt bei sieben Kindern pro Frau; dazu kommt, dass der Senegal ein stark muslimisch geprägtes Land ist und dadurch dem Mann erlaubt ist bis zu vier Frauen zu heiraten. Daraus wird deutlich, was für ein Ausmaß eine dortige Großfamilie haben kann und um so verständlicher, dass wir erhebliche Probleme hatten durch diese Familienstrukturen durchzublicken.
:: »Das gemeinsame Essen«
Was darüber hinaus ein weiterer Unterschied zur deutschen Kultur ist, ist die senegalesische Esskultur. Das gemeinsame Essen mit der Familie ist sehr wichtig, vor allem das Mittag- und Abendessen. In meiner Familie haben nur wir Frauen zusammen gegessen: meine beiden Gastmütter, Khady, meine Gastschwester die Deutsch spricht, ihre beiden Schwestern, ihre Halbschwester, ihre Schwägerin, Kusine, das Hausmädchen und ich. Wir haben alle aus einer großen Schüssel gegessen, die auf dem Boden stand und wir saßen auf kleinen Fußbänkchen drum herum. Häufig wird im Senegal mit der rechten Hand gegessen, jedoch haben bei mir in der Familie fast alle immer mit einem Löffel gegessen. Bei diesem gemeinsamen Essen hatte ich das Gefühl ein richtiger Teil der Familie zu sein und die Möglichkeit trotz der Sprachbarriere mit den Familienmitgliedern in Beziehung zu treten. Für mich persönlich, und ich denke für fast jeden aus unserer Gruppe, war es eine tolle und wichtige Erfahrung und Bereicherung in einer senegalesischen Familie gelebt zu haben und so hautnah die Kultur kennen gelernt zu haben.



